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Leseprobe -
Kapitel Sudan
Grenzerfahrungen
Die Sterne wirken riesig und funkeln in Massen am Himmel. Es ist
noch stockdunkel.
Sieben Uhr am Morgen. An diesem Tag werde ich Wadi Halfa in Richtung
Akasha verlassen. Knapp 160 Kilometer einsame und wunderschöne Wüste
gilt es zu bewältigen. Ich denke, ich bin gut vorbereitet. Das meiste
an Proviant habe ich schon eingekauft. Zehn gekochte Eier, Datteln,
Kekse, Streichkäse und zwei Brote. Aus einem großen Tonkrug schöpfe
ich Wasser, um es in meine zwei Ortliebwassersäcke und drei
Wasserflaschen zu füllen. Dann packe ich meine tausend Sachen und
fahre zunächst zum Markt. Die Luft ist noch kühl. Langsam geht die
Sonne auf. Ich brauche mehr Brot. Der Markt befindet sich in einer
Geisterstadt.
Zu meinem Ärger kommt der Brotkurier sehr spät. Um mich herum haben
schon die meisten Stände geöffnet. Sofort ergattere ich zehn Brote und
stopfe sie in meine vordere Radtasche. Sie quillt förmlich über. Das
muss für die dreitägige Wüstenstrecke genügen.
Die Sonne steht schon höher und lässt den Staub in den Straßen hell
schimmern. Es ist acht Uhr. Eigentlich wollte ich noch vor
Sonnenaufgang in der Wüste sein.
Den Weg aus Wadi Halfa zu finden, ist gar nicht so leicht. Ich muss
mich durchfragen. Ohne meine Arabischkenntnisse wäre ich wohl
aufgeschmissen.
Nach drei Kilometern ist es soweit. Am Eingang zur Wüste steht ein
Militärzelt. Ich zeige den Militärs meinen Pass. Sie checken meine
Wasservorräte. Dann fahre ich unter den sorgenvollen Augen der
Soldaten ins Abenteuer sudanesische Wüste. Ein abgenutztes Schild in
arabischer Sprache soll scheinbar vor etwas warnen. Doch ich kann es
nicht lesen. Schnell hat die Wüste Chabbahh und mich verschlungen.
Ich nenne meinen stählernen Gefährten Chabbahh! Auf arabisch heißt das
Geist oder Gespenst. Der Grund: Die Menschen starren es an, als wäre
es selbiges. Mit der Zeit hat es auch so was wie eine Seele bekommen.
Mein bester Freund auf dieser Tour. Ein zuverlässiger Freund.
Mein Fahrstil wirkt hier sehr unbeholfen. Dann, nach zwanzig
Kilometern plötzlich eine große Überraschung. Nachdem ich eine kleine
Hügellandschaft durchquert habe, sehe ich den Assuanstausee vor mir,
am anderen Ufer das friedliche Wadi Halfa. Ich bin in einem Bogen um
den See gefahren und habe es nicht mal bemerkt. Es ist nur noch
leiser Motorenlärm aus einiger Entfernung zu hören. Dann erreiche ich
endgültige Einsamkeit. Berauschende Stille umfängt mich. Die 160
Kilometer Wüstensand müsste ich in drei Tagen geschafft haben. Drei
lange Tage, die ich auf mich allein gestellt sein werde. Aber auch
drei unvergessliche Tage voller Abenteuer. Eine einzige schwere Panne
und ich stecke bis zum Hals in großen Schwierigkeiten. Es gäbe weit
und breit keine Hilfe.
Zunächst fahre ich auf relativ harter Piste. Es geht nur langsam
voran. Dann der erste lange Abschnitt mit Weichsand. Ich steige ab.
Schieben, schieben, schieben …
Das Gepäck lässt mein Rad unerträglich träge werden. Meine Arme
ermüden schnell vom Schieben, doch ich muss weiter. Um die Mittagszeit
herum entdecke ich neben der Piste eine verlassene Strohhütte. Ein
willkommener Schattenspender. Ich lege mich rein und schlafe einige
Minuten. Dabei träume ich, ich wäre zu Hause bei meinen Eltern.
Die
hügelige Wüstenlandschaft wird immer schöner. Es ist jedoch noch nicht
die Sandwüste, die ich mir vorgestellt habe. Viele schwarze Steine „verschmutzen“
den Sand. Irgendwann fassen meine Reifen wieder etwas festeren
Untergrund. Ich steige auf und hinerlasse Schlangenlinien im Sand.
Hier fährt man wieder verhältnismäßig gut. Mein Tacho klebt bei acht
Kilometer in der Stunde fest.
Mich machen die miesen „Wellblechstrecken“ fertig, die mich gnadenlos
durchrütteln. Man nennt sie auch „Dag-dag!“ Haben erst genug Autos
eine Piste bearbeitet, wird der Sand hart wie Beton und es kann sich
eine extrem unangenehme Buckelpiste bilden, kleine Erhebungen und
Vertiefungen im Abstand von wenigen Zentimetern. Das ist pures Gift
für den Radfahrer, während die Stoßdämpfer der Autos das meist mühelos
kompensieren können. Im Schneckentempo geht es voran. Meine größte
Befürchtung ist ein Rahmenbruch.
Der
nächste Abschnitt ist sehr malerisch. Ich entdecke einige Sanddünen.
Eine besonders schöne liegt zwischen ein paar Hügeln, ist aus sehr
feinem Sand und schimmert rötlich. Der Wind hat sein Muster in ihr
entworfen, das sie noch malerischer wirken lässt. Einige kleine
Sträucher haben sich in den Sand verirrt. Ich liege der Düne zu Füßen,
fotografiere sie, die Bilderbuchwüste wechselt ständig ihr Gesicht von
Sand- zu Geröll- und Steinwüste.
Es ist merklich heiß geworden. Ja fast schon schmerzhaft prickelnd auf
der Haut. Mein Schädel wird weich gekocht in dieser mörderischen Hitze.
Der Schweiß rinnt mir die Schläfen runter. Ich trinke jetzt schon
zuviel Wasser.
Tiefe, ausgefahrene Reifenspuren. Mühsames Schieben. Die grandiose
Landschaft entschädigt mich für die Strapazen. Und ich bin allein. Ich
höre das Blut in meinen Ohren rauschen und das Herz laut schlagen.
Manchmal auch den Wind, wenn er großzügig über mich hinweg fegt.
Etliche Gedanken fahren mir durch den Kopf. Alles Mögliche, darunter
viel wirres Zeug.
Der Sonnenuntergang ist dramatisch. An diesem Tag habe ich gerade mal
50 Kilometer geschafft. Doch ich komme in ein Gebiet, dass mit
schwarzen Felsen und Steinen übersät ist. Zum Sonnenuntergang wirkt
das bedrohlich, gruselig. Ein denkbar schlechter Ort für mein Zelt.
Abgesehen davon, dass ich hier nicht unbedingt die Nacht verbringen
will.
Ich trete noch mal voll in die Pedale. Bin mit meinen Kräften am Ende.
Dann die Erlösung: ein warmes, weichsandiges und weites Tal mit einem
Hügel. Mein erster Schlafplatz. Und der Sicherste, den ich bisher
hatte. Kein Mensch weit und breit. Der Mond hat das Tal ausgeleuchtet,
so dass man richtig weit gucken kann.
Ich würge schnell etwas Brot in mich hinein und schlüpfe todmüde in
meinen Schlafsack. Meine Beine schmerzen nach diesem harten Tag. Nach
einigen Tagebucheinträgen schlafe ich ein. Draußen wird es immer
kälter. Nur kurz muss ich an eine Gruselstory denken, die ich oft
gehört habe und die ich noch in jedem Dorf zu hören bekommen sollte.
Es war vor etwa fünfzehn Jahren. Ein britischer Radfahrer war in
diesem Gebiet unterwegs. Kurz vor Erreichen von Wadi Halfa wurde er
von einem Rudel Hyänen angegriffen. Er konnte noch ein Foto von den
Tieren machen, bevor er getötet wurde. Das Foto liegt angeblich bei
der Polizei in Khartum.
Nach einer traumlosen Nacht packe ich alles zusammen. Auf dem Zelt hat
sich kein Kondenswasser gebildet, was das Einpacken angenehmer macht.
Ich bin total verdreckt und das Salz klebt an meinem Körper. Zum
Waschen ist das Wasser zu schade. Es stört mich nicht weiter. Am
Horizont taucht langsam die Sonne auf. Die Luft ist noch angenehm
kühl. Ich befinde mich mit meinem Rad wieder auf der Piste.
Bei Kilometer einhundert soll sich laut Urs, der diese Strecke vor
zwei Jahren mit seinem Bruder bewältigte, eine Wirtschaft mit Menschen
befinden. Die will ich auf jeden Fall erreichen. Also in die Pedalen
getreten.
Nach fünf Kilometern entdecke ich links der Piste eine große Sanddüne.
Ich lasse das Rad einfach stehen und wandere durch den tiefen Sand auf
sie zu. Es kostet mich immerhin dreißig Minuten bis dorthin. Wie ein
riesiger Wurm, der halb im Boden vergraben ist und halb herausschaut,
liegt diese Sandaufhäufung vor mir. Ich gehe um sie herum, um zu
sehen, was dahinter ist: einige Sträucher und großblättrige Pflanzen,
hier und dort einige akazienartige Bäume. Ich frage mich, wie die in
der unwirklichen Gegend überleben können. Drei Gazellen sind damit
beschäftigt, sich hinter der Düne satt zu fressen. Sie flüchten
panikartig und ziehen eine Staubwolke hinter sich her, bis sie aus
meinem Blickfeld verschwunden sind. Schade, aber zum Fotografieren hat
es noch gereicht.
Greller Sand blendet mich. Ich tobe mich noch auf der Düne aus und
mache mich wieder auf den Weg. Die Sonne brennt an diesem Tage noch
erbarmungsloser auf mich nieder als am vorigen. Mein Trinkwasser wird
so aufgeheizt, dass ich das Gefühl bekomme, heißen Tee mit modrigem
Geschmack zu trinken. Ich trinke nur, wenn wirklich nötig. Die
Bakterien haben ganze Arbeit geleistet. Mich dürstet nach frischem,
kalten Wasser. Oder besser, nach kalter Coca-Cola. Langsam habe ich
auch die gekochten Eier und das sehr trockene Brot satt. Um die Bissen
herunter zu bekommen, muss ich das Wasser trinken.
Ich bin nun zwei Tage unterwegs und mir kommt es vor wie eine Woche.
Ich kämpfe mich durch eine unendlich lange Weichsandstrecke. Schieben
wechselt sich hier mit Schlangenlinienfahren ab. Es ist kräftezehrend.
Die Landschaft sollte sich an diesem Tag noch einige Male schlagartig
ändern. Aus riesigen Weiten mit gelbem Sand geht es in schöne
Oberflächen mit rotem. Alles ist rot. Irgendwann dann weißlicher Sand
und savannenartige Landschaft mit vielen Sträuchern. Selbst in meinen
Träumen war es nicht so schön. Und ich mitten drin auf dem Bike. Nun
schütte ich Unmengen meines Wassers in meine Kehle. Der Schweiß läuft
in Strömen. Es ist brüllend heiß. Im Sommer wäre das Radeln hier
lebensgefährlich.
Irgendwo eine verlassene Strohhütte mit einem lauten, herzzerreißenden
Ziegengeheul. Der Wassertrog ist leer. Sie hat ihn umgeschmissen.
Nichts zum Fressen und an einen dunklen Stall gebunden. Wie kann man
nur so herzlos sein? Die Ziege springt mir fast entgegen als sie mich
sieht. Ich gebe ihr was zu Trinken und suche Futter. Ich bin auf einer
Art Raststätte, die durch Strohdächer Schatten spenden soll. Überall
liegen verwelkte Gurken herum, die ich alle aufsammle und der Ziege in
den Stall lege. Sie schlingt sie gierig herunter und verlangt noch
mehr.
„Määhh, Määäähhhh!“ Aber sie hat zunächst genug. Nun denke ich an mich
und lege mich unter eines der Strohdächer. Ich genieße den angenehmen
Schatten. Als ich aufbrechen will, beginnt das Geheul der Ziege von
Neuem. Für mich gilt es jedoch, noch einige Kilometer zu schrubben.
Gegen Abend komme ich wieder rechtzeitig zum Sonnenuntergang in eine
dieser trostlosen, gruseligen und kühlen Gebirgsgegenden. Überall
schwarze Felsen und Steine. Meine Stimmung ist gedrückt und ich trete
ordentlich in die Pedalen. Doch wo ist die Raststation? Mir schwirrte
den ganzen Tag über schon ein Gedanke im Kopf herum: Hähnchen und
Cola, Cola und Hähnchen. Und das alles im Schlaraffenland Raststation.
Doch nichts ist zu sehen.
Die hundert Kilometer sind längst erreicht. Es wird immer dunkler und
die Felsen immer schwärzer. Muss ich doch hier übernachten? Nach
weiteren acht Kilometern endlich die Erlösung. Ich lenke mein Rad auf
den steinigen Vorplatz der Station, einem Gebäude mitten in der Wüste.
Drei apathisch wirkende Männer sitzen an die Hauswand gelehnt. Fliegen
schwirren umher. Ich grüße erschöpft auf Arabisch und setze mich
kommentarlos neben sie. Keiner sagt ein Wort. Ich spreche sie an. Sie
fragen mich, ob ich Bulgare sei.
„Hä? Nein, ich bin Libanese“, sage ich.
„Oh, dann bist du also kein Chawaga?“ Chawaga bedeutet einfach
Europäer auf Arabisch. Ich sehe leere Colaflaschen und einen
Kühlschrank. Doch es ist nichts da. Kein Hähnchen und schon gar keine
kalte Cola. Dafür aber Foul, das typische Saubohnengericht, die
Hauptnahrung in diesem Land, und trübes Nilwasser, was aber überaus
gut schmeckt. Dazu schwarzer Tee – Cay! Nachdem ich bezahlt habe,
mache ich mich auf und errichte hinter dem Haus mein Zelt. Dort habe
ich einen weiten Blick in die Wüste. Der Mond ist hell und fast voll.
Es sieht aus wie in der Savanne. Im Vordergrund steht wieder einer
dieser akazienartigen Bäume. Ich gucke mir lange die unglaublich
vielen Sterne an und schlafe ein.
Der dritte Tag meines einsamen Wüstentrips ist angebrochen. Aus einem
Tonkrug schöpfe ich Wasser, um meine Vorräte aufzufüllen. Er ist
voller toter Fliegen die ich heraussiebe. Ungefiltert wandert es mit
einigen Desinfektionstropfen in meine Wassersäcke. Ich rechne damit,
am Mittag Akasha, den ersten Ort nach Wadi Halfa zu erreichen. Die
Piste ist sehr hart, mit viel Geröll und Wellblech, das mich gründlich
durchrüttelt. Außerdem viele spitze Steine auf den Wegen. Und viel
Berg- und Talfahrt. Ich kann nur hoffen, dass meine
Schwalbe-Marathonreifen das durchstehen.
Dazu kommen noch die lästigen Fliegen, die mir an den vorangegangenen
Tagen den letzten Nerv raubten. Selbst in der Wüste gibt es diese
Biester. Sie sind überall, aber besonders in meinem Gesicht. Ganze
Schwärme haben mich die Tage verfolgt und mir das Leben extrem
erschwert. Erst war es eine, dann waren es zwei, dann kam der Rest.
Wenn ich irgendwo eine Pause mache, gesellen sich immer einige dazu.
Sie sind einfach nicht abzuwimmeln. Wenn ich sie aus meinem Gesicht
vertreibe, springen sie nur kurz ab, um dann wieder an der selben
Stelle zu landen. Irgendwann bin ich es leid, sie zu verscheuchen. Ich
lasse sie sitzen, nicht lange. Sie arbeiten sich zu meinen Augen vor.
Um eine Infektion zu vermeiden, verjage ich sie fluchend. Ja, Fluchen!
Das war die letzten Tage meine Lieblingsbeschäftigung. Wie ein
Berserker schrie ich rum und sprang wütend vom Rad, um sie tot zu
schlagen. Doch es war vergebens. Ich konnte kaum eine von ihnen töten.
Gestern habe ich aber einen Trick entdeckt, wenigstens einige von
ihnen abzuhängen. Ich mache eine Pause und setze mich in den Schatten,
um etwas zu essen. Die Fliegen gesellen sich dann zu mir. Ich werfe
einige Eierschalen und etwas Brot auf den Boden und entferne mich
unauffällig. Damit sind die Viecher beschäftigt und ich habe weniger
von denen am Hals. Aber es bringt sowieso nichts, weil mir an der
nächsten Ecke wieder ganze Horden auflauern.
In dem gelben Sand vor mir rennt eine kleine sandfarbene Eidechse. Sie
kommt nicht auf die Idee, nach links oder rechts zu rennen. Nein, sie
läuft schnurstracks geradeaus. Nach einer Weile wird es ihr aber zu
dumm und sie verschwindet in der Seite.
Später, kurz vor Akasha, es sind vielleicht noch zehn Kilometer,
erwartet mich eine große Überraschung. Ich quäle mich mal wieder auf
einer reifenkillenden Strecke vorwärts, als mir zwei Marsmenschen
entgegenkommen. Sie heben stumm den Arm zum Gruß. Ich tue das Gleiche.
Wortlos bleiben wir stehen. Es ist ein unwirkliches Erlebnis hier in
dieser Gegend, weshalb es mir so vorkommt, als hätte ich Außerirdische
vor mir. Doch Sally und Erik kommen nicht aus einer fernen Welt,
sondern aus Khartum. Ich freue mich sehr, wieder mit Menschen reden zu
können. Erik lebt seit Jahren mit seinen Eltern in der Hauptstadt und
Sally hat dort gearbeitet. Sie hat vor, mit dem Rad nach Hause zu
fahren. Nach England.
Erik begleitet sie durch die Wüste bis nach Wadi Halfa, um dann mit
dem Zug zurück nach Khartum zu fahren. Wir machen Bilder voneinander
und Erik gibt mir seine Telefonnummer. Ich solle bei ihm zu Hause
aufschlagen. Ein Angebot, das ich gerne annehmen werde. Die letzten
Kilometer harter Piste in der sengenden Hitze bringe ich auch noch
hinter mich. Dann ist es vollbracht. Ich komme mir vor wie einer, der
in der Wüste umhergeirrt ist und dann auf eine Oase stößt. Keine Fata
Morgana. AKASHA! |